meditations on life, work and art
why bauhaus still matters
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was uns das bauhaus heute noch lehren kann
31.12.2019
Vor 100 Jahren gründete der Berliner Architekt Walter Gropius in Weimar eine der bedeutendsten Schulen für Gestaltung des 20. Jahrhunderts: Das Bauhaus.
Das Jubiläum, das man in Deutschland in 2019 mit Partnern in aller Welt feierte, bietet Anlass kritisch zu reflektieren, was ein Jahrhundert danach von den ursprünglichen Ideen des Bauhauses heute noch relevant ist.
Genese und Ausrichtung
Die Gründung des Bauhauses im Jahre 1919 stellte den Versuch dar, das Leben nach der tragischen Katastrophe des ersten Weltkriegs neu zu gestalten und Handwerk, Kunst und Architektur in einem integrativen Ansatz zusammenzuführen um den Bau als Gesamtkunstwerk neu zu erschaffen. Als Professoren hatte Gropius eine Reihe namhafter Künstler engagiert: neben Johannes Itten und Gerhard Marcks lehrten Paul Klee, Oskar Schlemmer und Wassily Kandinsky am Bauhaus – dieser Lehrkörper wirkte als Avantgarde der klassischen Moderne. Das Bauhaus wurde zur Pionierstätte für formalästhetische Industrieprodukte und funktionale, schlichte und zeitlose Architektur.
Der Einsatz neuartiger Werkstoffe und Technologien in den Werkstätten des Bauhauses eröffnete in der Entwicklung von Gebrauchsgegenständen und in der Architektur oftmals revolutionäre Perspektiven. Es war eine deutliche Abkehr vom damals dominierenden, ornamentbeladenen Ekletizismus und Jugendstil. Die programmatische und konsequente Reduktion auf das Wesentliche mit einer klaren Formensprache ebnete den Weg für bahnbrechende Produkte. Viele davon gelten noch heute als Ikonen des modernen Industriedesigns, wie bspw. der Freischwinger von Marcel Breuer und weitere Stahlrohrmöbel, die Tischleuchte von Wagenfeld/Jucker sowie eine Vielzahl weiterer Produkte. In einer prägnanten Formulierung fasste der letzte Bauhaus Direktor Ludwig Mies van der Rohe den Bauhaus Ansatz wie folgt zusammen:
<Weniger ist mehr.>
Marcel Breuer
Scène du Bauhaus : Inconnue au masque dans un fauteuil tubulaire de Marcel Breuer portant un masque de Oskar Schlemmer, 1926
Les Arts Décoratifs

Die Platte wurde vom Bauhaus allerdings äußerst gründlich und auf radikale Weise geputzt. Kritiker werfen dem Bauhaus bis heute vor, Kälte und bauliche Normierung hervorgebracht zu haben, anstelle Individualität zuzulassen und Gemütlichkeit Raum zu geben.
Durch die Verwendung industriell verarbeitbarer Materialien sollte eine kostengünstige Fertigung in Großserie ermöglicht werden, auch um den prekären Verhältnissen nach dem Krieg mit erschwinglichen Produkten und leistbarer Architektur gerecht zu werden. Alltagsgegenstände in industrieller Serienfertigung konnten jedoch nur in Einzelfällen realisiert werden, die meisten Produkte sind als Designobjekte bis heute ausschließlich im oberen Preissegment verortet.
Phasen
In seiner bewegten und insgesamt nur 14 Jahre andauernden Wirkungszeit war das Bauhaus mehrfach gezwungen den Standort zu wechseln und unterschiedliche Direktoren gaben dem Bauhaus eine jeweils andere Prägung. Nach dem eher expressionistisch und künstlerisch ausgerichteten Beginn in Weimar unter der Leitung von Walter Gropius folgte in Dessau unter der Leitung des marxistisch orientierten Direktors Hannes Meyer eine Neuausrichtung, in der der soziale Anspruch in den Mittelpunkt des Schaffens rückte. Van der Rohe hingegen entpolitisierte das Bauhaus als letzter Direktor. Eine Schließung des Bauhauses in Berlin durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 ließ sich dennoch nicht verhindern. So bestand das Bauhaus zeitlich parallel zur Weimarer Republik und fand auch mit dieser sein Ende.
<Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten.>
Ludwig Mies van der Rohe, 1953
Zahlreiche Bauhäusler gingen ins Exil und trugen zur Verbreitung des Bauhauses in der ganzen Welt bei.
Von Weimar nach Cupertino
Die Ansätze des Bauhauses prägten maßgeblich das Produkt-Design von Unternehmen wie bspw. Braun (insbesondere in der Ära von Dieter Rams als Leiter der Formgebung, 1961 – 1995) und Apple unter der Leitung von Steve Jobs (1976-1985 und 1996-2011). Das iPhone, das dem Smartphone-Segment zum Durchbruch verhalf und weltweit die mobile Kommunikation disruptiv revolutionierte, wäre in der Schlichtheit seiner Formensprache und seiner intuitiven Bedienung ohne Einflüsse des Bauhauses nicht denkbar.
Man könnte argumentieren, das aktuelle Herausforderungen des Designs im aufkommenden Zeitalter der Plattformökonomie primär im interaktiven Bereich des kognitiven Designs verortet wären, wie bspw. dem User Interface Design. Anwendungsprofile bei Applikationen weisen oftmals einen hohen Differenzierungsgrad auf, das Gleiche kann von der Nutzung von Alltagsgegenständen wie einem Sitzmöbel oder einer Teekanne nicht redlich behauptet werden. Wenngleich die Komplexität der Designanforderungen somit deutlich gestiegen ist, so weisen Ansätze des Bauhauses wie Zugänglichkeit und Einfachheit jedoch auch beim UI Design Relevanz auf.
Résumé
Das Bauhaus war eine interdisziplinäre, internationale Ideenwerkstatt, an der sich unterschiedliche Meinungen, Theorien und Stilrichtungen verdichteten – auf der Suche nach dem neuen Leben, dem neuen Bauen, dem neuen Wohnen. Ein verkürztes Verständnis mit einer ausschließlichen Zuweisung von weißen Kuben in der Architektur zu einem vermeintlichen „Bauhaus-Stil“ wird der Vielfalt dieses Ansatzes nicht gerecht. Ein Bruch mit tradierten Vorstellungen und alten Lebenswelten, ein Neudenken in Kunst und Architektur, in Design und Pädagogik: Mit dem Bauhaus begründete Walter Gropius eine Idee von Gestaltung, die bis heute Impulse zu geben vermag. Das Bauhaus verstand sich als innovatives Experimentierfeld für künstlerisch Begabte. Beim Bauhaus ging es vor allem um einen offenen Umgang mit Methoden und darum, die Welt in einer suchenden Haltung neu zu denken. Der grundsätzliche Anspruch, das Leben und die Gesellschaft neu zu gestalten, kam nicht erst mit dem Bauhaus in die Welt. Philosophische, theologische und politische Strömungen prägten das Denken und Leben über Jahrhunderte zuvor auf vielfältige Weise. Das Bauhaus ist jedoch eine der wenigen Design-Schulen, die auf radikale Weise Methodik, Produktdesign und Architektur neu ausgerichtet haben und diese Bereiche bis zum heutigen Tage prägen.
Im Angesicht einer ganz anders gelagerten globalen Katastrophe gilt es auch heute wieder das Leben neu zu denken, um nachhaltiges Handeln zu ermöglichen. Wenngleich in seinem Wirkungsspektrum weitestgehend auf das Design und die Architektur limitiert, so zeigt das Bauhaus dennoch auf ermutigende Weise auf, dass es möglich ist Lebensbereiche neu zu gestalten und Herausforderungen auf innovative Weise zu begegnen. Das Bauhaus bleibt somit auch im 21. Jahrhundert richtungsweisend – im Design und darüber hinaus.
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